Ein Plus für eine bessere Schulzeit

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Sun

Ein Plus für eine bessere Schulzeit

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Menschen dies sich in irgend einer Art als LGBTIQ+ identifizieren scheinen sich bekannterweise gegenseitig anzuziehen. Kein Wunder, auch wir sind gerne mit Menschen, die uns ähnlich sind, und denen wir uns nicht immerzu erklären müssen, zusammen. Das ist bei Studierenden nicht anders. In Bern treffen sich die queer students, wie wir offiziell heissen, ca. zweimal im Monat zu einem gemütlichen zusammen sein. Bei Bier und Cola wird über Gott und die Welt diskutiert. Und nicht selten kommt dabei die eine oder andere Anekdote aus der Schulzeit zur Sprache. Meist sind es bittersüsse Erzählungen welche, mit etwas Ironie gewürzt, ganz gut zur Unterhaltung der Runde beitragen.

Manche von ihnen sind lustige kleine Geschichten mit witzigen Pointen, andere wiederum erzählen von harten Jahren. Jahren die für viele von Mobbing, Ausgrenzung und dem Druck sich bestmöglich anzupassen geprägt waren.

«Ich habe ein Jahr wiederholt», «Ich auch», «Ich gleich zweimal»

Sätze, die auffällig häufig zu hören sind, fragt man queer Personen nach ihrer schulischen Laufbahn.

Besorgniserregende Unterschiede

Aus reinem Interesse begann ich meine cisidenten, heterosexuellen KommilitonInnen danach zu fragen. Niemand war, bis und mit Ende Gymnasium, sitzen geblieben. Alleine auf Grund der Tatsache das wir es alle bis an die Uni geschafft haben würde ich dies nicht wirklich auf eine höhere Intelligenz oder einen besseren Fleiss meiner cis-hetero KommilitonInnen zurückführen. Klar, ich habe nicht hunderte von Studenten befragt, was diesem Fallbeispiel kaum Aussagekraft verleiht.

Aber eine britische Studie hat genau dies getan. Die Ergebnisse, die aus den Daten von 1614 Befragten hervorgehen sind ernüchternd. Aber sie bestätigen, was mir bei meinen queeren Mitstudent*innen aufgefallen war. Wer sich als nicht cis-hetero identifiziert scheint mehr Mühe zuhaben in der Schulzeit. Das mag auf der einen Seite daran liegen, dass für manche eine inneres Coming-out, oft auch ein Coming-in genannt, viel Zeit und Energie kostet. Für viele sind gerade die Jahre der Pubertät sehr verwirrende und herausfordernd. Doch sind wir ehrlich, auch für unsere cis-hetero Mitmenschen ist die Pubertät nicht gerade die einfachste Zeit. Was also führt zu dem frappanten Unterschied?

Laut der Studie scheint der Grund klar. Die Schule, ein Ort, an dem wir einen beachtlichen Teil unserer Zeit verbringen, scheint für viele Schüler*innen mehr als nur ein schwieriges Terrain zu sein. Der Grossteil der Probanden der britischen Studie kannte Mobbing nur zu gut. Doch wer sich mit dem Problem bei Lehrpersonen meldetet, hatte keine guten Karten. Weniger als ein Drittel der Lehrer*innen reagierte überhaupt auf solche Informationen.

Schlimmer noch ca. 60 % der Schüler*innen welche in ihrer Schulzeit homo-/transphober Gewalt ausgesetzt waren berichteten, dass Lehrpersonen nicht eingriffen, auch dann nicht, wenn diese aktive Beobachter waren.

Da scheint es nicht zu verwundern das bei knapp zwei Dritteln der Probanden homophobes Mobbing die Schulleistung und den Zugang zur weiteren Bildung nach dem obligatorischen neunten Schuljahr negativ beeinflusste. Als wäre das alles nicht genug 40 %, also fast jede*r zweite betroffene, gab an Suizidgedanken oder sogar Suizidversuche durchlebt zu haben.

Schockierende Zahlen, insbesondere wenn man bedenkt wie fest unsere Bildung heut zutage unser späteres Leben beeinflusst. Die gute Nachricht: Unsere Bildung hat auch einen grossen Einfluss darauf wie wir die Welt sehen. Ansichten und Haltungen, die wir als Kinder lernen, begleitet uns oft ein Leben lang.

+Project

Mit dem Gedanken im Kopf besuchte ich den allerersten BØWIE Gender Project Incubator Workshop von Be You Network in Bern. Ein Wochenende voller Gleichgesinnter. Unter ihnen waren auch Belén und Mégane. Rasch schlossen wir uns zusammen und gründeten, anfangs aus einem Wortwitz heraus, das +project. Mit viel Unterstützung des Bowie-Teams konkretisierte sich das ganze Langsam von vielen Ideen zu einem konkreten Projekt. Ziel des ganzen? Primarlehrpersonen der deutschsprachigen Schweiz eine Website mit soliden Informationen und Unterrichtsmaterialien zu Themen wie Geschlecht, Geschlechtsidentität und allgemeineren LGBTIQ+ Thematik an die Hand geben. Zu unserer Überraschung stellten wir fest, im Lehrplan21, die Richtlinien für Lehrpersonen was den Unterrichtsinhalt angeht, ist bereits festgehalten. So steht dort unter anderem: «Die Schülerinnen und Schüler können Geschlecht und Rollen reflektieren». So wie: «Die Schülerinnen und Schüler können Beziehungen, Liebe und Sexualität reflektieren…»

Aber wieso schienen die wenigsten von ihnen darauf einzugehen. Klar man könnte argumentieren das der Lehrplan 21 noch relativ jung ist und meine Generation schon nicht mehr vollständig betraf. Doch auch, wenn man heute mit Primarlehrpersonen spricht, fällt eines auf fast niemand lässt die Themen des Geschlechts oder der Sexualität in den Unterricht mit einfliessen, auch wenn dies durchaus altersgerecht möglich wäre. Bei unseren Gesprächen stellte sich heraus, viele wissen schlicht und einfach nicht wie. Es fehlt ihnen an Informationen und an Unterrichtsmaterialien. Doch selbst wenn letztere mittlerweile im Netz zu finden sind, so scheint der Aufwand diese zu suchen und für den Unterricht aufzubereiten für viele eine zu grosse Hürde. So wurde der Weg zu unserem Ziel schnell klar.

Unsere Website sollte nicht einfach nur informativ sein. Sie müsste, wollten wir wirklich etwas erreichen, auch bereits fertig vorbereitete Unterrichtsmaterialien am besten gratis beinhalten und sie müsste simpel und ansprechend zu bedienen sein. Keine leichte Aufgabe also. Da wir dieses Projekt schlecht zu unserer hauptberuflichen Beschäftigung machen konnten, beschlossen wir das Internet möglichst gründlich nach guten, bereits existierenden Materialien zu durchforsten. Und wir wurden fündig. So nahm, nach diversen Treffen und einigen Nachtschichten, das ganze langsam Form an. Heute findet man auf unserer Seite nicht nur Unterrichtsmaterialien für die 1.-3. Klasse und die 4.-6. Klasse, sondern auch weitere Informationen, Unterrichtsideen, Tipps und Tricks für den Umgang mit solchen Themen im Unterricht und Guidelines für ein respektvolles zusammen sein in der Schule. Doch damit ist die Arbeit nicht getan, damit unser Projekt möglichst erfolgreich seinen Weg in die Klassenzimmer findet, müssen wir möglichst viele Lehrpersonen erreichen.

Etwas was sich als schwieriger als geplant herausstellte. Gerade deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle etwas Werbung in eigener Sache … Unsere Website findet man unter plusproject.com, wer jetzt neugierig wurde, darf sich gerne umsehen und sich für unseren Newsletter anmelden. Es lohnt sich, nicht nur für Lehrpersonen, sondern auch für alle die LGBTIQ+ Themen interessieren. Damit es LGBTIQ+ Personen in Zukunft grössere Chancen auf eine erfolgreiche Bildungslaufbahn haben.

+project Instagram

Quellen:

https://be.lehrplan.ch/index.php?code=b|6|5|5

Statham, Helen, Jadva, Vasanti & Daly, Irenee (2012). The experiences of gay young people in Britain’s schools in 2012. Cambridge: University of Cambridge. Zusammenfassung durch eduqueer.ch

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